Hilfe für Jugendliche ohne Perspektive

„Schlupfwinkel“ betreut junge Obdachlose in Stuttgart. Sozialarbeiter kritisiert Mängel der Hilfsysteme.

NADJA OTTERBACH |

 Ärger mit Eltern, Schule, Ausbilder. Psychisch kranke Mütter, trinkende Väter, Patchwork-Familien, bei denen der Nachwuchs auf der Strecke bleibt –  landen Kinder und Jugendliche auf der Straße, sind die Gründe oft dieselben, weiß Thorsten Bauer. Der 43-Jährige ist Sozialarbeiter im Schlupfwinkel. Die Einrichtung in Stuttgart-Mitte fängt junge Menschen auf, die ohne Halt durchs Leben irren und statt im Elternhaus in Parks oder Unterführungen schlafen.

Im Schlupfwinkel in der Schlosserstraße können sie duschen, essen und Wäsche waschen. Mittwochs ist ein Kinder- und Jugendarzt vor Ort. Und dann bieten auch Thorsten Bauer und seine Kollegen Rat und Hilfe, um die jungen Leute wieder einzugliedern in eine Gesellschaft, der sie sich nicht zugehörig fühlen.

An diesem Mittwochmittag ist im Schlupfwinkel schon einiges los gewesen, erzählt der Sozialarbeiter. Jetzt sitzt nur ein einzelner Jugendlicher in der Küche. Ein Mädchen haut in die Tasten eines E-Pianos und singt dazu so laut, als wolle sie ihre ganzen Gefühle herausbrüllen. Der Schlupfwinkel bietet den Gestrandeten Raum, um kreativ zu sein. „Viele haben ein enormes Potenzial“, stellt Bauer immer wieder fest.

Zwischen 300 und 350 Besucher zählen er und seine Kollegen jedes Jahr. 100 Jugendliche waren 2017 zum ersten Mal da. Die Stadt übernimmt 60 Prozent der Kosten, den Rest finanzieren Spender sowie die Caritas und die Evangelische Gesellschaft als Träger. Es seien nicht mehr schrille Hausbesetzer-Typen, die ohne Obdach sind, vielmehr wachse die Zahl derer, die durchs Leben dümpeln, aber nirgends ankommen, betont Bauer. Die Stillen, die nicht auffallen und deshalb auf sich allein gestellt sind: „Sie fallen zu schnell durch die staatlichen Hilfesysteme, das stellt uns vor Herausforderungen.“

Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts bestätigt die Beobachtungen. Darin wird von den „entkoppelten Jugendlichen“ gesprochen, die beim Übergang ins Erwachsenenleben scheitern, weil sie aus schwierigen Familien stammen, oft psychisch belastet sind. Bis Hilfe naht, müssen die jungen Obdachlosen in Ämtern komplizierte Verfahren durchlaufen, für etliche seien diese Hürden zu hoch. Bauer wünscht sich effektivere Strukturen, etwa gebündelte Angebote und nur einen Ansprechpartner.

Aktuell sammelt das Team Spenden, um mehr Traumatherapien anbieten zu können. Dass auch vermeintlich hoffnungslose Fälle eine Perspektive haben können, beweisen zahlreiche Lebensläufe, die Bauer in 14 Jahren verfolgt hat. Vor drei Monaten traf er eine junge Frau, die als Teenager verloren schien. „Heute führt sie eine Versicherungsagentur“, sagt Bauer. Er wirkt dabei ein bisschen stolz. Nadja Otterbach

Info www.schlupfwinkel-stuttgart.de

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

 
 

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Warum man mit Energiesparlampen ...

Die modernen Glühlampen sind gut für die Umwelt, weil sie Energie sparen, aber schwierig zum Entsorgen.

Energiesparlampen schonen das Klima, weil sie viel weniger Strom verbrauchen als die alten Glühbirnen. Doch wenn sie zerbrechen, ist Vorsicht angesagt – vor allem, wenn sie Quecksilber enthalten. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr