„Epilepsie ist eine bunte Krankheit“

Cannabis für Epilepsie-Patienten? Der Ulmer Neurologe Jan Lewerenz ist zuversichtlich, dass ein Wirkstoff der Pflanze irgendwann als Medikament gegen die Anfälle zugelassen wird. Ein Interview über Therapie, Ursachen und Folgen der Epilepsie.

IRIS HUMPENÖDER |

Mit dem Wort „Epilepsie“, glaubt der Neurologe Jan Lewerenz vom Uniklinikum Ulm, könne so ziemlich jeder etwas anfangen. Schließlich sei etwa einer von 200 Bürgern in Europa davon betroffen. Doch das Bild, das viele von der Krankheit haben, entspreche nicht der Wirklichkeit, sagt der Oberarzt. „Epilepsie ist eine bunte Krankheit.“

Was versteht man unter Epilepsie?

Jan Lewerenz: Zunächst muss man verstehen, was ein epileptischer Anfall ist. Dabei handelt es sich um eine Funktionsstörung des Gehirns. Das Gehirn kann man sich wie einen riesigen, wuselnden Ameisenhaufen vorstellen. Bei einem epileptischen Anfall fangen plötzlich einzelne Verbände von Nervenzellen, also die Ameisen an, nicht mehr durcheinanderzuwuseln, sondern rhythmisch in einem Takt elektrische Aktivität zu entwickeln.

Hört das von selbst auf?

Ja. Die Nervenzellen sind in der Regel nach maximal zwei Minuten erschöpft.

Wann spricht macht von Epilepsie?

Im Prinzip kann jeder einen epileptischen Anfall entwickeln. Die Ursache kann etwa eine akute Hirnschädigung sein, durch einen Unfall oder eine Entzündung. Das kann dann mit dem Abheilen der Schädigung vorbei sein. Von Epilepsie sprechen wir erst, wenn jemand dauerhaft spontan epileptische Anfälle entwickelt.

Welche Ursache hat die Krankheit?

Beispielsweise eine Veränderung des Gehirns, die sich im Laufe der Zeit entwickelt hat, wie Narben durch Unfälle oder Schlaganfälle. Die Nervenzellen am Rand dieser Narbe werden übererregbar. Es gibt aber auch Menschen, die von Geburt an etwas stärker erregbare Nervenzellen haben.

Man hört immer wieder, Lichtreize könnten Krampfanfälle auslösen.

Die so genannte photosensitive Epilepsie ist eher selten. Tatsächlich können aber in einzelnen Fällen Sinnesreize von außen – wie Lichtreize in einer bestimmten Frequenz oder aber auch ein bestimmtes Musikstück – auf übererregbare Hirnregionen treffen, die dann einen epileptischen Anfall auslösen.

Wann kann die Krankheit frühestens auftreten?

Es gibt Epilepsien, die schon bei Neugeborenen und im Kleinkindalter auftreten. Epilepsien im Kindesalter können sich aber auch wieder auswachsen.

Wie bei der Migräne gibt es auch beim epileptischen Anfall eine „Aura“. Was versteht man darunter?

Im Prinzip benutzt man das Wort „Aura“ für Phänomene, die nur der Patient selbst mitbekommt. An sich ist die Aura schon ein sehr begrenzter epileptischer Anfall. Betroffene können Sehstörungen bekommen, das Hören kann beeinträchtigt sein oder ein Arm kribbeln. Es kann auch zu Veränderungen im Erleben kommen: Obwohl man alle Dinge um sich herum kennt, kommen sie einem plötzlich unbekannt vor. Oder eine Situation kommt einem vor, als habe man sie genau so schon erlebt.

Außenstehende merken davon nichts?

Es gibt auch andere kleine Anfälle, die man von außen sieht: Wenn zum Beispiel ein Arm zuckt, jemand plötzlich nicht mehr sprechen kann oder weit ausfahrende, heftige Bewegungen macht. Dennoch würden die meisten das nicht für einen epileptischen Anfall halten.

 Also wird nicht jeder epileptische Anfall als solcher erkannt?

Verwirrtheitszustände bei älteren Menschen zum Beispiel können auch durch einen epileptischen Anfall erklärt sein. Unser Alltag in der neurologischen Notaufnahme ist es deshalb, eine vorübergehende Durchblutungsstörung von einem epileptischen Anfall abzugrenzen. Wichtig ist für uns, wie Betroffene und Angehörige die Symptome schildern.

Bekommt derjenige, der einen Anfall hat, das überhaupt mit?

Das kommt darauf an, ob die im Gleichtakt arbeitenden Nervenzellverbände Gehirnregionen mit einbinden, die für das Gedächtnis und Bewusstsein notwendig sind. Manche merken nur, dass sie einen Anfall hatten, indem sie sich plötzlich fünf Meter weiter im Raum befinden. Das sind dann eher größere Anfälle.

Wie sie auch in Filmen schon mal vorkommen?

Das ist eher die Maximalvariante eines Krampfanfalls, bei der große Teile des Gehirns in einem Rhythmus aktiv sind. Diese nennen wir genealisierte tonisch-klonische Anfälle. Man kann bei diesen Anfällen, die immer von eine Bewusstseinsverlust begleitet sind, von außen tatsächlich diesen Rhythmus der im Takt schlagenden Nervenzellen sehen, weil es zu ruckartigen Zuckungen der Muskulatur kommt.

Wie sollte man in einem solchen Fall reagieren?

Ist der Patient in Begleitung, wird diese Person wissen, was zu tun ist. Anders liegt der Fall, wenn die Krankheit vielleicht noch nicht bekannt ist. Dann könnte hinter dem großen Anfall auch eine akute Hirnerkrankung stehen. Wichtig ist, den Betroffenen vor Schäden zu bewahren – ihn zu stützen oder versuchen, ihn hinzulegen. Wobei das durch die heftigen Zuckungen nicht immer so leicht ist. Ist der Anfall vorbei, sollte man ihn in die Seitenlage bringen und den Notarzt rufen.

Wie wird eine Epilepsie behandelt?

Zunächst medikamentös. Antiepileptika dämpfen die Erregbarkeit der Nervenzellen und sollen so Anfälle verhindern. Sie können aber auch müde machen oder launisch, wobei solche Nebenwirkungen nicht bei jedem auftreten müssen. Die neueren Medikamente sind insgesamt weniger belastend für die Organe und nebenwirkungsärmer.

Spielt Cannabis in der Epilepsietherapie eine Rolle?

Das ist ein interessantes Thema. Weder für Cannabis als Kraut noch für ein daraus gewonnenes, bereits zugelassenes Medikament ist die Wirksamkeit bei Epilepsie getestet. Anders sieht es aus bei einer Substanz, die aus der Cannabispflanze gewonnen wird und nicht rauschauslösend ist, das so genannte Cannabidiol. Für diese Substanz gibt es erste Ergebnisse, dass sie bei schweren Epilepsien wirksam sein kann.

Wenden Sie Cannabidiol bereits an?

Ja, wir können es in Form eines individuellen Heilversuches verschreiben. Es wird dann in der Apotheke als Tinktur angemischt. Das ist immer eine Einzelfallentscheidung, die vorher mit der Krankenkasse abgesprochen werden muss.

Gibt es Alternativen zu Medikamenten?

Wer medikamentös nicht anfallsfrei wird, für den kann möglicherweise ein chirurgischer Eingriff in Frage kommen. Voraussetzung dafür ist, dass man die Hirnregion genau bestimmen kann, in der der Anfall ausgelöst wird. Und dass schwere Ausfälle der Gehirnleistung unwahrscheinlich sind, wenn man den betroffenen Gehirnteil entfernt. Das ist eine Option, die die Epilepsie sogar heilen kann.

Und wenn nicht?

Gibt es noch palliativ chirurgische Eingriffe. Palliativ bedeutet, man will dadurch die Symptome lindern. Das geht etwa durch den Vagusnerv-Stimulator, der an der Brust unter der Haut befestigt wird und von dem aus die Elektrode an einen Nerv am Hals geht, der dann elektrische Impulse an das Gehirn schickt. Eine weiteres, relativ neues Verfahren ist die tiefe Hirnstimulation, beio der die Elektroden direkt ins Gehirn gelegt werden.

Die Psyche leidet mit

Wer an Epilepsie erkrankt ist, leidet nicht nur körperlich. Häufig ist der Alltag eingeschränkt, etwa bei der Berufswahl. „Ein Zimmermann, der jederzeit einen Krampfanfall bekommen kann, darf nicht im Dachstuhl herumturnen“, führt Prof. Jan Lewerenz als Beispiel an. Auch Autofahren ist tabu. Epileptische Anfälle bedeuteten zudem einen Kontrollverlust: „Man weiß oft nicht, was man für ,komische’ Sachen macht.“ Die Folge sei sozialer Rückzug, so Lewerenz. Da die Anfälle das Gehirn strapazieren, werden Patienten auch psychisch dünnhäutiger – fatal, wenn sie dazu hin noch Vorurteilen ausgesetzt sind wie: „Ist der noch ganz richtig im Kopf?“. „Das macht es Betroffenen nicht leicht, offen mit Ihrer Erkrankung umzugehen, etwa gegenüber Kollegen oder dem Arbeitgeber“, weiß Lewerenz. ih

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